Verstehen, ohne alles zu hören: Lippenlesen, eine erlernbare Fähigkeit

August 23, 2026


Im Stimmengewirr eines Restaurants, bei Gruppengesprächen oder in beruflichen Sitzungen kann eine Person mit Hörbeeinträchtigung leicht einen Teil des Gesagten verpassen. Hörgeräte oder Cochlea-Implantate helfen zwar, geben Töne aber nicht immer klar wieder. Hier kommt das Lippenlesen ins Spiel. Weit davon entfernt, eine angeborene Fähigkeit zu sein, handelt es sich um eine präzise Kompetenz, die man erlernt und durch Übung verfeinert.

Auch wenn man umgangssprachlich von «Lippenlesen» spricht, besteht die Übung in Wirklichkeit darin, eine Reihe von Bewegungen zu beobachten, die eine Vielzahl visueller Hinweise liefern: die von den Lippen gebildete Form natürlich, aber auch die Zungenposition und den Grad der Mundöffnung. Diese Beobachtung reicht jedoch nicht immer aus, da sich manche Silben zum Verwechseln ähnlich sehen, wie zum Beispiel «pa», «ba» und «ma».

Sichtbares und Unsichtbares entschlüsseln

Über die Erkennung der von den verschiedenen Lauten erzeugten Mundbilder hinaus besteht die Herausforderung beim Lernen auch darin, diese Mehrdeutigkeiten auszugleichen. Dafür leistet das Gehirn eine erstaunliche Rekonstruktionsarbeit, die man als «mentale Ergänzung» bezeichnet. Es stützt sich auf den Satzkontext, die Logik der Rede und akustische Restwahrnehmungen, um die Fragmente zusammenzusetzen und den Gesamtsinn zu erfassen. Das Erlernen besteht somit darin, die Erkennung visueller Sprachhinweise zu verfeinern und die Interpretationsfähigkeit zu entwickeln, um das Verstehen schneller, effizienter und weniger anstrengend zu machen.

Eine strukturierte und zugängliche Begleitung

Der Erwerb dieser Fähigkeiten erfordert eine gezielte Anleitung. Das ist eine der Aufgaben, die wir uns bei der Stiftung FoRom écoute gesetzt haben. Jedes Jahr finanzieren und koordinieren wir rund 600 Stunden Gruppenkurse, die in etwa fünfzehn Westschweizer Städten von dreizehn spezialisierten Lehrpersonen erteilt werden, deren spezifische Ausbildung im Lippenlesen unsere Stiftung finanziert hat. Diese Unterstützung ermöglicht es den Teilnehmenden, unabhängig von ihren finanziellen Mitteln an diesem Lernangebot teilzunehmen, da nur ein symbolischer Beitrag verlangt wird.

Diese Kurse werden in Zyklen von 10 wöchentlichen oder monatlichen Sitzungen à 2 Stunden in kleinen Gruppen von 5 bis 7 Personen angeboten. Diese kleine Gruppengröße ermöglicht es den Teilnehmenden, von einer individuellen Betreuung zu profitieren und gleichzeitig von der Gruppendynamik und dem Austausch unter Gleichgesinnten zu profitieren. Denn über die Technik und Methoden hinaus geht es auch darum, die Isolation zu durchbrechen und seinen Platz in Gesprächen einzunehmen. Ein Teilnehmer bestätigt: «Ich eigne mir neue Fähigkeiten an und gewinne in einer freundschaftlichen Atmosphäre wieder Selbstvertrauen».

Eine im Alltag gelebte Praxis

Dieses Angebot für Erwachsene ist derzeit in Genf, Lausanne, Vevey, St-Maurice, Martigny, Bulle, Biel, Neuenburg, La Chaux-de-Fonds, Pruntrut, Delsberg, Vicques und Moutier verfügbar *. Zwischen den Sitzungen setzen die Teilnehmenden ihr Lernen in ihren alltäglichen Interaktionen fort. Wir ermutigen sie dazu, denn die Artikulation unterscheidet sich von Person zu Person durch feine Nuancen: Möglichst viele Erfahrungen mit verschiedenen Gesprächspartnern zu sammeln, hilft daher, schneller Fortschritte zu machen.

Das Lippenlesen ergänzt somit sinnvoll selbst die leistungsfähigsten Hörgeräte, wie eine unserer Teilnehmerinnen bestätigt: «In lauter Umgebung kann ich der Unterhaltung jetzt folgen». Ein schöner Erfolg!

* Die Liste der Städte, in denen Kurse angeboten werden, kann sich ändern. Wir empfehlen dir, die Seite «Lippenlesekurse» zu besuchen, um mehr über die aktuellen Kurse zu erfahren und die passenden Kontakte für deine Region zu finden.

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Foto © Sébastien Monachon

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